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Peter Segler
Helga Rahn
Alexandra Gläser



Leucht-Feuer Peter Segler
Luise sitzt auf dem Dach eines Leuchtturms und lässt vergnügt die Beine baumeln. Die unregelmäßige Bewegung ihrer kolossalen Gliedmaßen vor dem Leucht-Fenster verursacht ein bizarres Licht- und Schattenspiel über dem Meer. Die Kapitäne auf fernen Schiffen deuten es als Morsezeichen. Sie ändern ihre Kurse und entdecken auf diese Weise neue Kontinente. Manche Schiffe stoßen auch zusammen und gehen unter.

(© Peter Segler, weitere Texte im aktuellen Heft)



das oktoberfeuer Helga Rahn
der himmel leuchtet
gegen abend wie poliert, als ob
lauter fackeln flammten
baum und giebel farbetrunken
und verzaubert, rote, gelbe lichter

die natur ist eine frau
sehr stolz und erdverbunden
an die zeit gebunden
ehe noch das letzte laub
zu boden geht, hintaumelnd
ob die stille einkehrt, weiß und groß

ob im oktoberlicht der vogel schwarz sich zeigt
gefesselt, gefangen, sonnenhungrig, ich bin farbentoll, verletzbar

(© Helga Rahn, weiteres Gedicht im aktuellen Heft)


Der Baum Alexandra Gläser
Die Sonne stand tief, als er seine Laufschuhe anzog und auf den Feldweg zu rannte. Der Boden war trocken und voller Furchen, die der Traktor nach dem letzten Regen hinterlassen hatte. Das machte das Laufen anstrengender und störte ihn sehr. Die Sonne blendete nun. Er ließ sich auf die Bank am Wegesrand unter einen großen Baum fallen. Der Baum – er kannte sich da mit Arten und Namen nicht aus – war hoch, der Stamm einigermaßen gerade gewachsen, die Rinde aufgeworfen und von Käferstraßen bevölkert, das Geäst verzweigt mit dichter Krone aus grünen Blättern. Einige der unteren Äste hingen herunter. Er zog an einem und ließ ihn wieder los. Er wippte noch eine Weile.
– «Baum, du hast es schön hier. Kannst hier in der Gegend rumstehen, keiner stört dich, es mag dich eigentlich jeder. Schöne grüne Blätter, vielleicht noch leckere Früchte, und selbst als Gerippe bist du noch recht ansehnlich.»
– «Bei dir piept es wohl!», schrie der Baum zurück und schüttelte sich. «Schön nennst du das? Nachts kommen die Tiere und knabbern an mir. Tagsüber gibt es freche Kinder und ganz zu Schweigen von solchen Verliebten mit Taschenmesser.»
– «Haha», sagte er leise «das soll anstrengend sein? Ich bitte dich! Ich bin den ganzen Tag unterwegs, muss arbeiten, muss es allen Recht machen, muss mich kümmern, muss Sport treiben. Verstehst du: Ich muss!?»
– «Na, wenigstens kannst du laufen, Freundchen! Ich stehe hier, seit ich denken kann. Ich wüsste zu gerne, wohin die Leute gehen, nachdem sie hier waren. Ich wüsste zu gerne, was im Ort vor sich geht, aber ich sehe nur die Dächer. Und so schicke Turnschuhe, wie du sie hast, kann ich nicht tragen.»
– «Kannst sie gerne haben. Meine Füße tun sowieso weh.»
– «Meinst du, wir sollten …?!»
Und so wankte an diesem Abend, zunächst unsicher, dann immer schneller, ein Mann Richtung Dorf. Er warf die Arme in die Luft, begann zu rennen und zu schreien.
Er blieb hinter der Bank stehen, spürte die feuchte und kühle Erde, die Käfer und den Wind. Er konnte sich zurücklehnen, ohne umzufallen.
Ein paar Tage später kam der Mann zurück. Er trug die Laufschuhe und hatte es eilig.
– «Wie geht es dir?», fragte er den Baum, wartete die Antwort aber gar nicht ab und fuhr fort: «Du hast so viel Holz zu Hause. Fast schien es mir, als kenne ich deinen Tisch. Das gefällt mir nicht. Überhaupt, Laufen ist schön, aber sonst hattest du Recht – alles ist sehr anstrengend. Ich möchte zurück!»
– «Nein, es bleibt, wie es ist! Ich will nämlich nicht zurück. Mir gefällt der schöne Rundumblick, der Regen auf den Blättern. So wollte ich das.»
– «Du gibst mir das zurück, sofort!! Bitte!»
Aber er ließ nur ein Rauschen vernehmen.
Wenig später war der Mann wieder da. Die Kettensäge in seiner Hand ratterte. Er war entschlossen.

(© Alexandra Gläser)